CTG-Interpretation — Grundlagen der FIGO-Klassifikation

Die CTG-Interpretation ist die wahrscheinlich kontroverseste Fachkompetenz in der Geburtshilfe. Zehn Hebammen sehen dieselbe Kurve, fünf interpretieren anders. Das ist nicht mangelnde Ausbildung — das ist die Natur einer komplexen zeitabhängigen Daten mit hoher intrinsischer Variabilität. Die FIGO-Klassifikation 2015 bietet strukturierte Reduktion dieser Variabilität.

Die FIGO 2015 Klassifikation

Die FIGO Consensus Guidelines 2015 (DOI:10.1016/j.ijgo.2015.06.020) definieren drei Kategorien:

  • Normal: keine Hypoxie/Azidose zu befürchten
  • Suspect: geringe Wahrscheinlichkeit von Hypoxie, Beobachtung und eventuell Maßnahmen
  • Pathologisch: hohe Wahrscheinlichkeit, Intervention nötig

Diese Vereinfachung gegenüber älteren Fünf-Kategorie-Systemen reduziert Variabilität zwischen Beurteilern signifikant (Chandraharan 2018, PubMed:29336044).

Baseline-Beurteilung

Baseline = Grundfrequenz zwischen Wehen und ohne Akzelerationen/Dezelerationen. Normbereich: 110-160 bpm.

Die Baseline wird über 10 Minuten gemittelt. Wichtig: bei CTG-Beginn abwarten, bis 10 Minuten Kurve verfügbar sind, bevor eine Baseline-Diagnose gestellt wird.

Besonderheiten:

  • Leichte Baseline-Bradykardie (100-110 bpm): oft physiologisch bei reifen Neugeborenen
  • Baseline-Tachykardie (> 160 bpm): Fieber, Dehydratation, fetale Anämie, Tachyarrhythmie
  • Langsame Baseline-Verschiebung: ominöses Zeichen bei fetaler Gefährdung

Variabilität

Die Kurz-Variabilität (beat-to-beat) wird visuell als Bandbreite beurteilt. Kategorien:

  • Normal: 5-25 bpm Bandbreite
  • Reduziert: < 5 bpm über 30 Minuten
  • Erhöht: > 25 bpm (seltener, meist verzögerte Azidose)

Reduzierte Variabilität ist das sensitivste Frühzeichen fetaler Gefährdung. RCOG Green-Top 55 dokumentiert, dass persistierend reduzierte Variabilität besser mit neonatalem Azidose-Status korreliert als einzelne Dezelerationen.

Akzelerationen

Passagere Frequenzerhöhungen > 15 bpm über mindestens 15 Sekunden. Gütezeichen fetaler Oxygenierung. Vorhanden > 2-mal pro 30 Minuten ist reassuring.

Wichtig: fehlende Akzelerationen sind nicht pathologisch (Schlafphasen), aber dauerhaft fehlende Akzelerationen + reduzierte Variabilität → Alarmzeichen.

Dezelerationen — die drei Typen

Systematische Differenzierung entscheidet über Management:

Frühe Dezelerationen

Zeitgleich mit Wehe, spiegelbildlich, meist < 30 bpm Tiefe, Erholung mit Wehenabklang. Ursache: Kopfkompression. Physiologisch, keine Intervention.

Variable Dezelerationen

Abrupter Beginn (< 30 Sekunden), variable Zeitrelation zur Wehe. Ursache: Nabelschnurkompression. Häufig, meist kein Azidosezeichen. Beurteilung nach Schwere:

  • Einfach: < 60 sec Dauer, > 60 bpm Nadir, schnelle Erholung
  • Kompliziert: > 60 sec, < 60 bpm Nadir, langsame Erholung, gehäuft

Späte Dezelerationen

Beginn nach Wehenbeginn, Nadir nach Wehenakmé, verzögerte Erholung. Ursache: uteroplazentare Insuffizienz. Ernstes Warnzeichen. Persistent: pathologisches CTG.

Die Cochrane-Analyse 2017 zeigt, dass die Unterscheidung dieser Typen klinisch relevant ist, aber die Interrater-Variabilität hoch. Systematisches Training (FIGO-Webinare) hilft.

Gesamtbeurteilung

Das Gesamt-Muster übertrifft einzelne Auffälligkeiten:

  • Normal: alle Kriterien im Normbereich
  • Suspect: eine Kategorie abweichend (außer spät/variable schwer)
  • Pathologisch: mindestens zwei suspect oder eine schwer abweichend

Handlungsalgorithmus

Bei pathologischem CTG:

  1. Position wechseln (Linksseitenlage bevorzugt)
  2. Intravenöse Flüssigkeit
  3. Oxytocin stoppen (wenn im Gange)
  4. Blutdruck messen, bei Hypotonie Ephedrin
  5. Sauerstoffgabe — umstritten, laut Fawole 2012 kein nachgewiesener Nutzen
  6. Vaginaler Befund: Geburt naht? Muttermund? Höhe?
  7. Bei Persistenz: Mikroblutuntersuchung (wo verfügbar) oder Sectio

Häufige Fragen

Klinische Relevanz für die Praxis

Das Thema durchdringt mehrere Dimensionen geburtshilflicher Versorgung. In meiner Fortbildungspraxis begegne ich immer wieder der gleichen Spannung: zwischen evidenzbasierten Empfehlungen und dem individuellen Erleben der betreuenden Hebamme. Diese Spannung ist produktiv, wenn sie reflektiert wird.

Konkrete Implikationen für die tägliche Arbeit:

  • Regelmäßige Überprüfung eigener Praxismuster gegen aktuelle Guidelines
  • Kollegiale Diskussion komplexer Fälle — auch wenn nichts schiefgelaufen ist
  • Dokumentation nicht nur der Intervention, sondern der Entscheidungsfindung
  • Aktive Nachverfolgung neuer Cochrane-Updates im Themenbereich

Aktuelle Forschungslücken

Trotz umfangreicher Literatur bleiben zentrale Fragen offen. Die schweizerische Versorgungsforschung hinkt internationalen Standards nach, insbesondere bei langfristigen Outcomes. Die Abteilung Klinische Forschung der Universität Basel hat in den letzten Jahren mehrere Projekte initiiert — Hebammen sind als Co-Forschende zunehmend gefragt.

CTG bei Low-Risk-Geburten — sinnvoll?

Keine Evidenz für Verbesserung. Cochrane zeigt sogar Nachteile (Sectio-Anstieg). Intermittierende Auskultation ist gleichwertig.

Fetale Bradykardie > 3 Minuten — Handlung?

Notfall. Position wechseln, Ursachen prüfen, Geburt innerhalb 30 Minuten einleiten, wenn nicht reversibel.

CTG lesen während Peridural-Beginn?

Erhöhte Wachsamkeit 30-60 Minuten nach PDA. Hypotonie kann Dezelerationen auslösen. Blutdruckkontrolle engmaschig.

Fazit für die Praxis

Fetale Überwachung ist technische Präzision plus klinische Urteilskraft. Weder die eine noch die andere allein reicht. Die Hebamme, die sowohl das CTG technisch beherrscht als auch die Gesamtsituation klinisch erfasst, trifft die besten Entscheidungen.

Was sich aus diesem Thema mitnehmen lässt:

  • Technik ist Werkzeug, nicht Urteil
  • Klinischer Befund priorisiert die Technik
  • Dokumentation aller Befunde und Schlussfolgerungen
  • Regelmäßiges CTG-Training erhält die Urteilssicherheit

Beate Lareida, Hebamme HF, Olten