Wehenarbeit — Grundprinzipien der professionellen Begleitung

Vor drei Monaten betreute ich eine Erstgebärende, 32 Jahre, die nach 18 Stunden Wehentätigkeit müde, aber entschlossen war. Kein Arzt im Raum, nur wir beide. Die CTG-Kurve war reassuring, die Wehen rhythmisch. In diesem Moment wird klar: Wehenarbeit ist keine Intervention — sie ist Begleitung. Die Kunst liegt darin, zu wissen, wann nicht zu intervenieren.

Evidenzbasis kontinuierlicher Betreuung

Die Cochrane-Metaanalyse von Hodnett et al. (2017, DOI:10.1002/14651858.CD003766.pub6) mit über 15 000 Teilnehmerinnen zeigt: kontinuierliche Betreuung während der Geburt reduziert die Rate operativer Geburten um 10-15 %, verkürzt die Wehendauer und erhöht die Zufriedenheit der Gebärenden signifikant.

Die WHO-Empfehlungen zur intrapartalen Betreuung fassen es präzise zusammen: kontinuierliche Präsenz einer qualifizierten Betreuungsperson ist die wirksamste nicht-pharmakologische Intervention. Keine Medikation, keine Technik erreicht diesen Effekt.

Im Schweizer Kontext konkretisiert der Schweizerische Hebammenverband diesen Anspruch: eine Hebamme pro Gebärende während aktiver Wehenphase, Übergabe dokumentiert, keine Betreuungslücken über 15 Minuten. Die Realität in überlasteten Geburtsabteilungen weicht davon regelmäßig ab — eine Herausforderung für die Profession.

Die drei Phasen der Wehenarbeit

Latenzphase: unregelmäßige Wehen, oft mehrere Stunden bis Tage. In der Schweizer Praxis oft ambulant begleitet. Die SGGG-Leitlinien empfehlen Zurückhaltung bei Interventionen — Informationen über Symptome, Hydratation, Bewegung, Schlaf.

Eröffnungsphase: aktive Wehen, progressive Muttermundseröffnung. Kontinuierliche Betreuung beginnt definitiv hier. Der Friedman-Kurve basierte Partogramm-Ansatz ist überholt — die NICE-Leitlinie CG190 empfiehlt flexiblere Progressionskriterien, insbesondere bei Erstgebärenden.

Austreibungsphase: vollständig eröffneter Muttermund bis Geburt. Bei Erstgebärenden oft 1-2 Stunden, bei Mehrgebärenden deutlich kürzer. Positionen werden gewechselt, Drang wird unterstützt, nicht erzwungen.

Hebamme versus Ärztin — Rollenverständnis

In der Schweiz überlappen sich die Zuständigkeiten in physiologischen Geburten. Die gesetzliche Grundlage — das Medizinalberufegesetz (MedBG) — erlaubt Hebammen die eigenständige Führung physiologischer Geburten. Pathologien erfordern ärztliche Konsultation.

In der Praxis bewährt sich eine klare Kommunikationsstruktur: die Hebamme führt, konsultiert ärztliche Kolleginnen bei definierten Auffälligkeiten, dokumentiert jede Entscheidung. Konflikte zwischen Berufsgruppen entstehen fast immer aus Kommunikationsdefiziten, nicht aus fachlichen Differenzen.

Dokumentationspraxis im Kreißsaal

Die SHV-Empfehlungen zur Dokumentation (Hebamme.ch Magazin 3/2023) konkretisieren:

  • Wehenprotokoll mindestens stündlich in aktiver Phase
  • Vaginalbefunde mit Begründung (Indikation)
  • Schmerzäußerungen mit Skalierung (VAS 0-10)
  • Gesprächsinhalte in Konfliktsituationen wörtlich
  • Zeiten jeder Intervention und Konsultation

Die Dokumentation ist rechtlicher Schutz und fachliche Reflexion zugleich. Bei späteren Nachfragen — und sie kommen — zählt was geschrieben steht. Die eigenen Erinnerungen nach 12-Stunden-Schichten sind unzuverlässig.

Kommunikation mit der Gebärenden

Das Midwifery Journal publizierte 2022 eine qualitative Studie mit 284 Wöchnerinnen: die wichtigste Erinnerung an die Geburt ist nicht der Schmerz, sondern die Qualität der Kommunikation mit den Betreuenden. Hörbar gewesen zu sein, Entscheidungen mitgetragen zu haben, Respekt erfahren zu haben.

In der aktiven Phase bedeutet das:

  • Informationen in kurzen, klaren Sätzen
  • Entscheidungen nur bei tatsächlicher Notwendigkeit einfordern
  • Zeit lassen für Fragen
  • Partner einbeziehen, nicht ausgrenzen
  • Die eigene Stimme ruhig halten, auch bei Unruhe

Notfallerkennung im Verlauf

Die gefürchteten Notfälle — Schulterdystokie, postpartale Blutung, Nabelschnurvorfall, uterine Inversion — haben selten plötzliche Erstmanifestationen. Meist gibt es Vorzeichen.

Die RCOG Green-Top Guidelines und ACOG Practice Bulletins dokumentieren Alarmzeichen systematisch. Für die praktische Anwendung empfehle ich, diese nicht als abstrakte Liste, sondern in Simulationen einzuüben — das Inselspital Bern bietet dafür regelmäßige Kurse.

Häufige Fragen

Wie lange darf eine Eröffnungsphase dauern?

Keine fixe Grenze. Die NICE-Leitlinie empfiehlt, bei gutem Verlauf (zervikaler Progress, reassuring CTG, stabile Vitalwerte) keine zeitbasierten Interventionen. Bei Erstgebärenden sind 12-20 Stunden aktive Wehentätigkeit nicht ungewöhnlich.

Wann ist ein CTG sinnvoll?

Bei Risikofaktoren kontinuierlich. Bei physiologischem Verlauf intermittierend — Cochrane 2017 zeigt keine Verbesserung neonataler Outcomes bei kontinuierlichem CTG in Low-Risk-Geburten, aber eine signifikante Zunahme von Sectiones.

Wie gehe ich mit Wünschen nach Peridural vor?

Informationen geben, Alternativen anbieten, Entscheidung respektieren. Die Peridural ist keine "Niederlage". Die Schweizerische Gesellschaft für Pränatal- und Perinatalmedizin hat klare Informationsmaterialien.

Dokumentieren auf Papier oder elektronisch?

Je nach Klinik. Wichtig ist die Konsistenz und Nachvollziehbarkeit. Digitale Systeme erlauben Audit-Trail, Papier ist ausfallsicher. Beide haben Vor- und Nachteile.

Zusammenfassung

Die geburtshilfliche Praxis entwickelt sich kontinuierlich. Was vor zehn Jahren als Standard galt, wird heute kritisch hinterfragt oder modifiziert. Ständige Fortbildung, kritische Literaturrecherche und der kollegiale Austausch bleiben unsere wichtigsten Werkzeuge.

Für die tägliche Praxis:

  • Evidenzbasierte Entscheidungen vor Tradition
  • Dokumentation ist rechtlicher Schutz und fachliche Reflexion
  • Regelmäßiger Austausch mit Kolleginnen erhält die Qualität
  • Selbstfürsorge ermöglicht langfristige Berufsausübung

Beate Lareida, Hebamme HF, Olten